Mertesacker im Kicker Interview:
kicker: Wie war der Abschied von Hannover?
Mertesacker: Am ersten Bundesliga Spieltag beim Duell der beiden Klubs war es ein sehr emotionaler Moment. Traurigkeit und Gerührtsein. Ich musste mehr auf den Boden gucken, konnte den Leuten kaum in die Augen schauen.
kicker: Angst vor Tränen?
Mertesacker: Nein, doch ich war den Tränen nahe.
edit: Das gesamte Interview:
kicker: Kennen Sie Gunnar Sauer, Per Mertesacker?
Per Mertesacker: Der Name sagt mir was. Ein Werder-Spieler von früher.
kicker: Abwehrspieler und Nationalspieler wie Sie. Einer, der seine Karriere relativ früh beenden musste wegen einer Fersenoperation.
Mertesacker: Das wusste ich nicht.
kicker: Auch Sie sind jüngst an der Ferse operiert worden. Macht Ihnen dies im Nachhinein Angst?
Mertesacker: Nein. Tragisch für ihn, sicherlich. Aber ich sehe keinen unmittelbaren Bezug zu mir.
kicker: Zu Ihrem Fall: Der Eingriff musste sein und war überfällig?
Mertesacker: Ja, alle Untersuchungen deuteten darauf hin, dass es strukturelle Probleme gewesen sind, die mit keiner anderen Behandlung zu beheben gewesen wären.
kicker: Die erste schwere Verletzung in Ihrer jungen Karriere. Was haben Ihnen die Ärzte vorher gesagt?
Mertesacker: Genaue Erfahrungswerte gab es nicht. Zudem war der Eingriff an einer sensiblen Stelle, immer wieder gereizt durch die Achillessehne. Somit war mir klar, dass es mit Risiko verbunden war.
kicker: Die Phase der Rekonvaleszenz hat recht lange gedauert. War es schwer, sich damit abzufinden?
Mertesacker: Die Pause kam mir persönlich auch zugute. In den letzten beiden Jahren ging es Schlag auf Schlag. Kaum Urlaub, viele Reisen, die Nationalelf, Confed-Cup und WM. Da habe ich meinen Körper enorm belastet. So konnte ich mich in der Reha in Donaustauf etwas erholen. So paradox es klingt, da ich dort hart gearbeitet habe
kicker: Sind Sie nie ungeduldig geworden?
Mertesacker: Diese Eigenschaft kennt man von mir nicht.
kicker: Das Comeback zögerte sich dennoch hinaus. War das lange Warten richtig?
Mertesacker: Es brauchte seine Zeit. Bei den ersten Trainingseinheiten bei Werder habe ich schon gemerkt: Das ist etwas anderes vom Tempo und der Intensität her als bei 96.
kicker: Werder hat schlechte Resultate erzielt. Alle warteten auf Sie. Ein besonderer Druck?
Mertesacker: Natürlich will auch ich der Elf helfen, doch man darf es nicht übertreiben.
kicker: Und dann der Wiedereinstieg ausgerechnet gegen Barcelona. Wann fiel die Entscheidung?
Mertesacker: Morgens vor dem Spiel sagte Thomas Schaaf zu mir, ich solle mich vorbereiten. Der optimale Einstieg, wie gesehen.
kicker: Hatten Sie keine Befürchtungen beim Debüt gegen die Weltklasse- Leute von Barca?
Mertesacker: Im Gegenteil. Wichtig war, dass an dem Tag die Mannschaft funktionierte. Sie hat es mir als Neuling leicht gemacht.
kicker: Viele sprechen auch von einerWechselwirkung.Werder stehe in der Defensive so sicher, seit Sie dabei sind.
Mertesacker: Ich bin niemand, der alles auf meine Person bezieht. Heilsbringer und so was, das will ich gar nicht hören.
kicker: Sie sind nun noch nicht zur Nationalelf gefahren. Öffentlich hat dies bislang nur Trainer Schaaf begründet. Wie ist Ihre Meinung?
Mertesacker: Meine Meinung? Ich bin dies doch mehr als zehnmal mit ihm durchgegangen. Nicht er hat sich das ausgedacht – gemeinsam sind wir der Auffassung, dass ein Einsatz zu früh gekommen wäre. Ich muss erst richtig fit werden, habe noch Kraftprobleme, gerade in der Wade. Bei meinem großen Körper dauert es halt länger.
kicker: Und der Bundestrainer hat dies auch so akzeptiert?
Mertesacker: Ja, ich habe bei der Film-Premiere in Berlin mit ihm gesprochen.
kicker: Also keine Machtdemonstration der Bremer gegenüber Löw?
Mertesacker: Absolut nicht. Es ging ausnahmsweise mal um mich.
kicker: Stichwort WM-Film. Wie war der rote Teppich in Berlin?
Mertesacker: Ungewöhnlich, es war schön, dabei zu sein und auch ein wenig auf sich stolz sein zu dürfen. Die traumhafte WM-Zeit wurde wieder lebendig.
kicker: „Roter Teppich“ gleich Showgeschäft. Dies ist nicht Ihre Welt?
Mertesacker: Roter Teppich muss nicht sein, ich wäre auch durch den Hintereingang gekommen.
kicker: Warum tun Sie sich so schwer mit dem Drumherum im Profifußball, mit allen Elementen, die in Richtung Show gehen?
Mertesacker: Was heißt Show? Ich habe nun meinen ersten wichtigen Schritt in meiner Karriere getan. Ich muss mich erst mal ordnen in Bremen, ich versuche mir ein neues Leben aufzubauen. Neue Stadt, eigeneWohnung, neue Kollegen. Da bleibe ich ruhig und gelassen, konzentriere mich auf den Fußball.
kicker: Warum geben Sie sich so abwartend und reserviert?
Mertesacker: Ich habe mit allen, mit den Fans und der Presse, kein Problem. Doch Rücksicht und Vorsicht kann nicht schlecht sein. Ich bin keiner, der sich immer in den Mittelpunkt drängt. Ich muss mich nicht immer auf der Mattscheibe sehen.
kicker: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den Medien beurteilen? Kollegen erzählen von Ihrer Aktion nach dem Sieg gegen Polen, als Sie mit geballter Faust vor der Pressetribüne posierten.
Mertesacker: Schon lustig. Oder?
kicker: Was sollte es sein?
Mertesacker: Es war Ausdruck meiner spontanen Gefühlslage. Die Journalisten schienen mir baff. Ich wollte demonstrieren, dass wir es gepackt haben, dass wir es denen gezeigt haben, die uns nichts zugetraut hatten. Das musste einfach raus.
kicker: Zu einer Szene bei einer Pressekonferenz: Bei einer Frage haben
Sie durch Gestik und Mimik deutlich zum Ausdruck gebracht, was Sie von der Fragestellung halten.
Mertesacker: Ich erinnere mich: Es wurde gefragt, wann wir endlich mal einen Großen schlagen wollen. Es war eine Frage, zu der wir schon zigfach Stellung bezogen hatten. Meine Reaktion war nicht bös gemeint, eher unbewusst.
kicker: Interessiert Sie Ihr Image?
Mertesacker: Ich registriere die Reaktionen schon – auf meiner Homepage, in der Presse. Meine Eltern haben mich zur Freundlichkeit erzogen. Da achte ich drauf
kicker: Dann müssen Sie sich gewaltig geärgert haben, als überregionale Zeitungen während der WM bei Ihnen einen Wandel vom Schwiegermütter-Schwarm zum arroganten Schnösel festgestellt haben wollten.
Mertesacker: Erstens habe ich dies nicht mitbekommen. Zweitens war das nicht die Rückmeldung, die ich erhalten habe – von den Fans beispielsweise. Von daher kann ich über so etwas hinwegsehen.
kicker: Welche Rolle spielt Ihr Vater Stefan?
Mertesacker: Er hat mich zum Fußball gebracht. Wir telefonieren häu fig, sprechen über Fußball und auch private Dinge. Auch meine Mutter Bärbel ist wichtig für mich.
kicker: Wer sonst noch?
Mertesacker: Jürgen Stoffregen, mein früherer A-Jugend-Trainer, der die Grundlagen gelegt hat.
kicker: Was zeichnet Thomas Schaaf aus?
Mertesacker: Von Anfang an hatte ich das Gefühl: Dieser Trainer kann mich weiterbringen. Thomas Schaaf und auch Klaus Allofs haben sich früh um mich bemüht. In dem, was wir besprochen haben, habe ich mich wiedergefunden.
kicker: Wie war der Abschied von Hannover?
Mertesacker: Am ersten Bundesliga Spieltag beim Duell der beiden Klubs war es ein sehr emotionaler Moment. Traurigkeit und Gerührtsein. Ich musste mehr auf den Boden gucken, konnte den Leuten kaum in die Augen schauen.
kicker: Angst vor Tränen?
Mertesacker: Nein, doch ich war den Tränen nahe.
kicker: Hat Sie das Transfergerangel genervt?
Mertesacker: Ich war froh, als alles vorbei war. Ich hatte immer das Gefühl, dass Werder mich unbedingt haben wollte.
kicker: Deutschland im Jahre 2006, „ein Sommermärchen“. Mertesackers Blitzkarriere auch wie im Film, geradezu märchenhaft
Mertesacker: Es ging schon zügig. Es war spannend in jeder Phase. Ich habe fast in den Tag gelebt, und alles ging von selbst.
kicker: Wie soll es weitergehen? Haben Sie Angst vor einem Karriereknick?
Mertesacker: Bisher gab es bei mir in der Laufbahn nur wenig Dellen. Ich scheue mich auch vor Einbrüchen nicht. Auch solche schlechten Phasen können einen stärken.
kicker: Was kann Sie aus der Ruhe bringen?
Mertesacker: Ab und zu rege ich mich beim Autofahren auf.
kicker: Auf dem Platz weniger?
Mertesacker: Kommt seltener vor.
kicker: Erst 22 Jahre jung, dennoch schon so abgeklärt?
Mertesacker: Ich habe immer so gespielt, schon in der Oberliga. Es ist meine Spielweise. Ich habe mich nicht groß verändern müssen.