@Kai
Ich hab' die Zeit 1996-99 unter Gerber und Fanz in anderer Erinnerung als Du.
(1) Man muss sich zunächst die desaströse Lage vergegenwärtigen, unter der Gerber und Fanz 1996 antraten. Wir waren geade abgestiegen, und die HAZ leitartikelte sinngemäß, der Verein sei finanziell und sportlich derartig heruntergewirtschaftet, dass erst in zehn Jahren ein Aufstieg realistisch sei. Zeitweise war der Verein in dieser Phase führungslos. Zwei Wochen vor Beginn der Saison standen nur vier Spieler unter Vetrag (Sievers, Linke, Kovacec, Kuhlmey). Nicht wenige befürchteten, wir würden in die Vierte Liga durchgereicht werden. "Vorbilder" gab es ja ...
(2) Gerber und Fanz stellten in aller Eile eine Truppe zusammen, die es in sich hatte und sich rasch als die spielstärkste aller Regionalligamannschaften entpuppte. Nur die damalígen Strukturen (vier Regionalligen, kein direkter Aufstieg für den Nordmeister) und viel Pech im Qualifikationsspiel gegen Cottbus verhinderten den Aufstieg. Der wurde ein Jahr später nachgeholt.
(3) Zu den neuverpflichteten Spielern unter Gerber und Fanz zählten: Fabian Ernst, Gerald Asamoah, Otto Addo, Jens Rasijewski, Volker Arslan, Vladan Milovanovic, Bastian Reinhardt, Fabian Gerber, Dieter Hecking, Markus Kreuz, Stefan Blank, Selbastian Kehl, Altin Lala, Baba N'Diaye, Igoris Morinas, Steve Cherundolo. Das sind immerhin 16 Spieler, die uns sehr weitergeholfen haben und teilweise später eine große Karriere gemacht haben bzw. machen. Viele waren vorher völlig unbekannt, wie z.B. ein gewisser Otto Addo, der beim VFL 93 Hamburg kickte, ohne dass St. Pauli oder der HSV von ihm Notiz nahmen. Oder Altin Lala wurde von Borussia Fulda aufgetan - auch kein Weltverein. Andere waren schon Jugend-Nationalspieler, kamen aber zu 96, weil Fanz und Gerber die jungen Spieler hervorragend förderten. Für mich ist, was Spielerverpflichtungen anbetrifft, Gerber der beste Manager, den wir jemals gehabt haben.
(4) Die "beste Zweitligamannschaft aller Zeiten" hatten wir 1998/99 bestimmt nicht. Wir hatten den zweitkleinsten Etat (nach Ulm). Favoriten waren die BL-Absteiger Bielefeld und Köln, die über einen mehrfach so großen Etat verfügten. Etliche unserer eingesetzten Spieler waren sehr jung (Kehl und F. Gerber 17, Asamoah 18, Kreuz und Cherundolo 19). Außerdem fiel unser einziger zweitligatauglicher Stürmer Asamoah für sieben oder acht Spieltage wegen seiner Herzgeschichte aus. Erst als Gerald dann zur Winterpause zurückkehrte und Morinas verpflichtet wurde, lief es wieder. Unter Gerber als Trainer verloren wir von 18 Spielen nur eines (0:1 gegen Unterhaching). Zum Aufstieg fehlte nur ein einziger Punkt. Etliche Siege hatten wir kurz vor Schluss noch aus der Hand gegeben.
(5) Bei den damaligen Turbulenzen Utz Claasen contra Gerber/Fanz hatten beide Seiten Recht. Claasen wies mit Recht darauf hin, dass wir überschuldet waren und vor der Zahlungsunfähigkeit standen. Die Einschnitte, die er forderte, hätten jedoch vermutlich den sportlichen Aufschwung abgewürgt. Umgekehrt bot die 3. Liga eigentlich nicht die ökonomische Basis, um Juwele wie Addo und Asamoah zu halten. Wirtschaftliche Rationalität (Claasen) und sportliche Rationalität (Gerber, Fanz) waren in diesem Fall objektiv unvereinbar. Dass es dazu gekommen war, lag weniger an den damaligen Protagonisten als an den Sünden der Vergangenheit. Dass wir damals die Quadratur des Kreises schafften und nicht in die ewigen sportlichen Jagdgründe eingingen, erscheint mir noch heute als ein Wunder. Just in den Wochen, als die Not am größten war, verschafften zwei Pokalsiege gegen München 1860 und Gladbach die dringend benötigte liquide Mittel. Der Verkauf von Kovacec an TEBE Berlin brachte 650 000 DM - eine damals irre hohe Summe für einen Drittliga-Spieler. Dann gelang Ende der Saison 97/98 der Aufstieg vor 60000 gegen TEBE. Ganz groß damals Martin Kind als Krisenmanager, der maßgeblich die Quadratur des Kreises bewerkstelligte.
(6) Reinhold Fanz hat damals Sportgeschichte geschrieben. Er hat faktisch den Präsidenten zum Rücktritt gezwungen. Mir ist kein zweiter vergleichbarer Fall bekannt. Als Claasen Gerber feuerte, solidarisierte sich Fanz mit dem Geschassten, warf Claasen sportliche Inkompetenz vor und drohte mit Rücktritt, falls Claasen nicht selbst den Hut nehme. Da Fanz damals unglaublich populär war - er hatte ja aus dem Nichts Supertalente und und Zauberfußball gezaubert -, hatte Claasen keine Chance mehr. Er musste zurück treten und Martin Kind Platz machen. Daher jetzt die Retourkutsche in Karlsruhe. Verständlich, aber dumm, weil Fanz jetzt genau der Richtige für den KSC wäre. Claasens wirtschaftliche Kompetenz ist über alle Zweifel erhaben, aber er hat die Chance verpasst, menschliche Größe zu zeigen.
(7) Wirtschaftlich war Gerber ein Risiko. Er hat einige zweifelhafte Praktiken an den Tag gelegt, z.B. indem er einige Spielerverträge an sein Amt im Verein band. Man kann ihm aber nicht die Ausstiegsklauseln aus den Verträgen von Asamoah, Addo und Kehl u.a. vorhalten. Denn andernfalls wären diese Spieler überhaupt nicht zu halten gewesen.
Alles in allem gehören für mich Gerber und Fanz zu den großen Helden der Vereinsgeschichte. Bevor sie kamen, ging es 30 Jahre ziemlich kontinierlich bergab. Als unser Verein finanziell und sportlich am Boden lag und in der Versenkung zu verschwinden drohte, schafften sie völlig überraschend mit unbekannten Spielern die Wende.
Meine Dankbarkeit haben die Beiden auf ewig.
War 'ne herrlich aufregende Zeit damals ...
Allen Roten (und Rotinnen) nachträglich ein frohes neues Jahr wünscht
Rote Socke