Ich bin es nicht mehr gewohnt, mich nur einmal pro Woche intensiv mit Hannover 96 auseinander zu setzen. Der Europa-League Rhythmus verlangt einfach nach 96, spätestens nach vier Tagen.
Eigentlich ist es nur so zu erklären, warum ich am Montag wieder zur Hauptversammlung des Hannoverschen Sportvereins von 1896 e.V. in unser Niedersachsenstadion geschlappt bin. Denn ich bin nicht masochistisch veranlagt, auch wenn das bis vor gar nicht so kurzer Zeit zum Fußballvergnügen eines 96-Fans sicherlich beigetragen hätte.
Die Erfahrungen der letzten Jahre haben immer wieder gezeigt, daß der Besuch der Hauptversammlung unseres geliebten Vereins schlichtweg desillusionierend und deprimierend ist. Insofern waren meine Erwartungen diesmal nicht allzu hoch gesteckt.
Und immerhin - diesmal ging's. Vielleicht habe ich mich auch nur einfach dran gewöhnt oder merke aufgrund von wiederholt starkem Herry-Konsums nicht mehr allzu viel. Dann dürfte ich aber mit einem nicht geringen Teil der anderen Mitglieder dort einiges gemeinsam haben. Nicht wegen des leckeren Bieres, sondern weil ich den Verdacht habe, daß da so manch einer nichts mehr merkt. Sei es wegen des fortgeschrittenen Alters - was mir Respekt abverlangt - oder wegen akuter Kinditis, einer ausgeprägten Form der Kind-Unterwürfigkeit.
Kind wurde - wie üblich - als Heiland gefeiert, und er war sich auch nicht zu schade, deutlich selbst darauf hinzuweisen, was für große Leistungen er unentgeldlich für den Verein bringt. Seine Leistungen möchte ich nicht schmälern, aber man muß es ja nicht unbedingt auch noch selbst hervorheben, wenn der Aufsichtsratsvorsitzende und 90% aller anderen Anwesenden bei Ansicht von Hrn. Kind ins Schwärmen verfallen.
Wie üblich wurde den verstorbenen Mitgliedern (in einigen Fällen überraschend jung !) gedacht, die sportlichen Leistungen der Mannschaften und Einzelsportler gewürdigt und Mitgliedschaftsjubilare geehrt. Relativ lebhaft für 96-Verhältnisse wurde über einen Antrag diskutiert, der die Regelung bezüglich der Ehrennadeln, die man als langjähriges Mitglied erhält, ändern sollte. Durchaus fundiert und sehr engagiert äußerte ein Mitglied seine Bedenken, und tatsächlich führte dies dazu, daß der Antrag zurückgestellt wurde und dem Vorstand Vorschläge mit auf den Weg gegeben wurden, damit dieser zur nächsten Hauptversammlung einen entsprechend angepaßten Antrag vorlegen kann. Das hatte beinahe etwas von Mitbestimmung und brachte mich vollkommen aus der Fassung.
Eigentlich war natürlich wie üblich nur die Rede von Hrn. Kind interessant. Die großen Klopfer der Vergangenheit blieben diesmal aus, auch wenn er natürlich immer wieder für einen Schnitzer gut ist - meist spontan und gar nicht böse gemeint. Gute Situationskomik, wenn's nicht blöderweise ernst gemeint wäre.
An ernsten Themen wurden u.a. folgende Punkte angesprochen:
Eilenriedestadion und Gelände an der Clausewitzstr: Man befindet sich in langatmigen Gesprächen mit der Stadt und hat auch mit dem Hockeyclub Kontakt gehabt, um zu erkunden, ob sich das Gelände halten läßt. Scheinbar sieht es im Moment danach aus, daß man das Gelände aufgeben und ein komplett neues Nachwuchszentrum bauen will. Die Dimensionen sind gigantisch und kaum auf dem vorhandenen Gelände umzusetzen. Bevor man dem Hockeyclub woanders ein neues Clubheim baut, baut man sich lieber selbst woanders eines. Zwei Mitgleider brachten deutlich zum Ausdruck, daß ihnen das traditionelle Vereinsgelände und insbesondere das Eilenriedestadion am Herzen liegen. Es ist noch nichts entschieden - Schmadtke leitet ein Team, das dieses Thema behandelt.
Pyrotechnik, Fans, etc: Kind fiel in dieser Hinsicht durch seine ausgesprochen - und beängstigend ungewohnte - moderate Ausdrucksweise auf. Er meinte, daß er im Gespräch mit der Roten Kurve und auch den Ultras sei. Er sei klar für Deeskalation. Andererseits habe er in den Gesprächen auch klar gemacht, daß die erheblichen Kosten, die beispielsweise durch Pyrotechnik aufliefen, nicht einfach vom Verein getragen werden würden. Man habe intern einen Maßnahmenkatalog erarbeitet. Über manche der Punkte dieses Kataloges seien Rote Kurve und Ultras informiert worden. Den Katalog werde man absolut durchziehen, wenn es nötig sei. Außerdem habe man in drei Fällen Verursachern von Mehrkosten identifiziert. Einer habe ein Schuldanerkenntnis unterschrieben und müsse zahlen, zwei weitere hätten noch nicht unterschrieben, für die würde es teurer. Beschwichtigend - wie ungewohnt ! - meinte er abschließend, daß man seit geraumer Zeit keine Pyrotechnik mehr in der Nordkurve gesehen hätte. Stattdessen wies er auf die grandiose Choreographie vor dem Madrid-Spiel hin und lobte ausdrücklich die hannöverschen Fans und hob dabei sogar die Ultras hervor. Unser neuer Pressemensch scheint wirklich intensive Medientrainings zu betreiben. Anders ist das alles nicht zu erklären. Soviel Kreide kann man Kind doch gar nicht zu essen gegeben haben.
Ich glaube, es gab sonst nicht viel Neues. Kind wirkte sehr ausgeglichen und entspannt, und die Veranstaltung wirkte auch diesmal einen Tick professioneller, weil der Aufsichtsratsvorsitzende der einzige andere Sprecher war und sich mal nicht ganz so viel verhaspelte wie sonst.
Ausgesprochen bedauerlich - und für mich nicht nachvollziehbar - ist die Abwesenheit des gesamten Profikaders sowie von Schmadtke und Slomka. Ich hätte mindestens Schmadtke, Slomka und Cherundolo erwartet. Bei der letztjährigen Versammlung waren sie mit der guten Begründung nicht dabei, daß am nächsten Tag ein Auswärtsspiel anstand und die komplette Mannschaft am Spielort war. Aber diesmal ? Schwacher Auftritt.
Selten war eine Mitgliederversammlung so entspannt und erträglich. Was nicht heißt, daß man sich nicht mehr wie unter Karnickelzüchtern fühlen würde. Aber das muß ja nicht so schlecht sein. Immer noch besser als beim FC Köln...